Zweizylinder NSU

Im Jahre 1955 war NSU tatsächlich mit Hilfe der massenproduzierten Quickly zur größten Zweiradfabrik der Welt aufgestiegen. Doch am Horizont zeichneten sich bereits Einbrüche im Zweiradgeschäft ab. Das Wirtschaftswunder begann zur Hochform aufzulaufen und die Produzenten mußten nach neuen Marktsegmenten suchen. Bei NSU hatte man sich entschlossen, im Rahmen der allgemeinen Entwicklung, die dem Moped, Motorrad oder Autoroller entwachsenen Kunden mit einem allseits geschlossenen Gefährt bei Laune zu halten.

Erste Überlegungen führten zu einem verkleideten Motorrad mit zunächst 3 Rädern. Eine Karosserie war auch schnell entworfen und ein Prototyp mit einzelnem hinteren Antriebsrad und Max-Motor fertiggestellt. Die gestellten Anforderungen an ein zuverlässiges Transportmittel konnten damit aber leider nicht erfüllt werden (s.a. ­­MaxKabine54 (Prototyp) Seite 30).

Die nächste Entwicklungsstufe führte mit modifizierter Karosserie nun zu einem echten Fahrzeug mit vier Rädern, es wurde unter der Projektnummer 40 realisiert. Über einige Umwege kam im Herbst 1957, genau am 2. und 4. September, auf dem Schloß Solitude endlich der Prinz an das Licht der Öffentlichkeit.

Der Prinz I ist da!

Zu den gelungensten Überraschungen der neuen Autosaison für 1958 zählt der "Prinz", eine wirklich ausgewogene Kleinwagenkonstruktion, die von den Neckarsulmer Werken in jahrelanger Arbeit schrittweise entwickelt wurde (Projektnummer 40). Eine genaue Analyse der Marktsituation ergab folgende Aufgabenstellung für die Konstrukteure:

Der Prinz sollte ein Fahrzeug werden, das vor allem für jene Bevölkerungskreise in Betracht kommt, die sich einen VW noch nicht leisten können, die sich aber nicht länger mit einem Zweiradfahrzeug begnügen wollen.

sorry!!
 
Bild 3.1 Vorstellung des Prinzen durch Miss World,
Petra Schürmann und NSU Chef v. Heydekampf

Die Frage nach der Größe des kleinen Autos war schnell beantwortet, vier erwachsene Menschen mußten untergebracht werden, denn es zeigte sich immer wieder, daß zweisitzige Karosserien oder Behelfssitzplätze nur für einen kleinen Kreis von Abnehmern in Betracht kamen. Der Prinz sollte ein richtiges Auto sein und keine Fahrmaschine mit Behelfen und Provisorien. Für die Entwicklung des Fahrwerks wurde griff man auf die besten Bauprinzipien zurück, alle vier Räder waren einzeln aufgehängt, wurden durch Schraubenfedern und hydraulische Stoßdämpfer (damals aus eigener Fertigung!) sicher geführt. Auf ein Chassis im klassischen Sinne wurde aus Gewichtsgründen verzichtet, statt dessen konstruierte man eine selbsttragende steife Karosserie, die bei hoher Festigkeit noch extrem leicht baut. Das fahrfertige Automobil wog nur 490 kg.

Gute Motoren waren schon immer eine Spezialität bei NSU gewesen. Daher baute man einen Zweizylinder-Viertaktmotor mit zunächst 20 PS, wobei nicht verschwiegen werden soll, daß bereits der Motor der NSU Max bei 250 cm3 Hubraum problemlos 18 PS leistete, und so wäre es ein leichtes gewesen, aus dem 600er 40 PS herauszuholen. Doch aus Gründen einer hohen Robustheit und Zuverlässigkeit des Triebwerkes beließ man es zunächst bei 20 PS mit einem maximalen Drehmoment von 42 Nm bei 2300 min-1. Der Viertaktmotor versprach einen runden Leerlauf und einen günstigen Kraftstoffverbrauch von 4,5 bis 5,5 Liter/100 km. Und da sage noch einer, man konnte früher noch kein 5 Liter-Auto bauen!

Beide Zylinder bilden einen Block um die parallel stehenden Kolben. Der Leichtmetallzylinderkopf enthält eine zentrale obenliegende Nockenwelle, die über kurze Kipphebel die Ventile in den halbkugelförmigen Brennräumen direkt betätigt. Der Antrieb der Nockenwelle erfolgt, wie bei der Max bewährt, mit einem spielfreien und geräuscharmen Ultramax-Schubstangenantrieb, wie man ihn auch an alten Dampflokomotiven sehen kann. Das Getriebe und das Differential sind mit im kompakten Motorgehäuse untergebracht und ermöglichen so einen schnellen Ausbau des kompletten Antriebsaggregates.

Durch seine Einzelradaufhängung hat der Prinz eine hervorragende Straßenlage. Die Kurvenfestigkeit ist erstaunlich, und auf kurvenreicher und bergiger Straße nimmt es der junge Prinz problemlos mit manchem Giganten der Straße von 1958 auf. Die Federung ist eher sportlich-stramm ohne hart zu sein. Dem Fahrkomfort wurde große Aufmerksamkeit gewidmet. Auch Zwei-Zentner-Figuren, also Menschen in vollschlanker Ausführung, lassen sich zumindest auf den Vordersitzen bequem unterbringen.

Zur Sicherheit gehörten auch eine hydraulische Bremse und eine leichtgehende, geometrisch korrekte Lenkung, die als Zahnstangenlenkung ausgelegt worden war.

Um einen möglichst großen Innenraum zu schaffen, bedienten sich die Konstrukteure der Pontonform, auf die man eine Glaskanzel aufsetzte. Die vordere Scheibe und die Rückscheibe sind gewölbt und weit herumgezogen, um Fahrer und Insassen einen guten Rundumblick ohne unmittelbar störende Pfosten zu erlauben. Lange Strecken lassen sich bequem im Prinz zurücklegen, die Nickschwingungen konnten gut unterdrückt werden. Das Armaturenbrett mit Tachometer, Geschwindigkeitsanzeige und Schaltern für Zündung, Anlasser und Licht, Kontrolleuchten für Fernlicht, Licht, Laderegelung der Batterie, Öldruck und Blinker liegt gut im Blickfeld des Fahrers. Rechts befindet sich ein großes Ablagefach, in der Mitte des Armaturenbrettes läßt sich ein genormtes Autoradio unterbringen. Unter der Bughaube und hinter den Rücksitzen befindet sich ausreichender Stauraum für die Koffer einer Urlaubsreise.

Der Prinz wurde in seiner einfacheren Ausführung ohne Schmuck unter dem Namen Prinz I und mit allem Drum und Dran als Prinz II gebaut. Und 1958 konnten 50 Pfennige pro km für die Fahrt zur Arbeitsstelle abgesetzt werden, genausoviel wie bei einem Mercedes 300. Für Steuer waren für die 600 cm3 DM 87,- pro Jahr zu zahlen und für die 20 PS war eine Versicherungssumme von DM 126,- zu entrichten.

Gewichte des Prinz I von 1958

Mit der Gründlichkeit der Schwaben gingen die NSU-Konstrukteure daran, sämtliche Einzelteile des NSU Prinz zu wiegen, um so festzustellen, aus welchen Detailposten sich das günstige Gesamtgewicht des Prinz mit 490,27 kg ergibt. Bei dieser Detailabwägung stellte sich heraus, daß die Karosserie mit 138 kg den stärksten Posten ausmacht, während das Motoraggregat mit Vierganggetriebe und Differential 84,4 kg auf die Waage bringt. Erstaunlich ist die Tatsache, daß die Karosserie und Motor mit insgesamt 222,4 kg nicht einmal die Hälfte des Gesamtgewichtes ausmachen. Das Prinz-Gewicht von 490 kg (bei 20 PS) stellt eine Bestleistung im europäischen Kleinwagenbau dar, besonders wenn man bedenkt, daß in diesem Gewicht noch 20 kg für 25 Liter Benzin und 2,185 kg für 2,5 Liter Öl enthalten sind.
 
Karosserie mit Motor- und Kofferhaube  138,00 kg
Rechte und linke Türe ohne Scheiben  27,78 kg
8 Sicherheitsglas-Scheiben mit Gummifassung  22,93 kg
Vorderachse komplett mit Lenkung, Stoßdämpfern und Federn  40,10 kg
Rechte und linke Hinterradschwingen komplett mit Sternkupplung, Halbachsen, Federn, Gummi, Stoßdämpfern  29,00 kg
Rechte und linke Achse 2,37 kg
5 Räder 13,00 kg 
5 Decken mit Schäuchen  23,00 kg
4 Radkappen 1,12 kg 
Motortraverse 3,30 kg 
Motor 84,40 kg 
Auspufftopf 3,70 kg 
Vergaser 1,04 kg 
Ansauggeräuschdämpfer  1,03 kg
Schaltung 1,40 kg 
Scheinwerfer 1,88 kg 
Elektrische Teile: Regler, Spulen, Horn, Rücklicht, Blinker, Kabelbaum  5,70 kg
Hauptbremszylinder, Bremsleitungen, Fußpedale mit Lagerbock  2,65 kg
Kraftstofftank 3,40 kg 
Batterie 9,50 kg 
vordere Sitze 15,40 kg 
Hintere Sitze 12,30 kg 
Gummifußmatten 7,70 kg
Gummieinfassungen für Türen und Motorhaube  0,80 kg
Stoßstangen vorne und hinten  5,22 kg
Werkzeug 1,97 kg 
Scheibenwischeranlage 1,18 kg
Handbremse mit Zugdrähten  0,91 kg
Zugdrähte für Gas-, Kupplung, Heizung, vordere Haube  0,88 kg
Bodenplatten mit Schrauben  0,87 kg
Heizungs- und Frischluftschlauch mit Halter  0,81 kg
Kraftstoffleitung mit 3 Schläuchen  0,40 kg
Heizungsschieber mit Zierblenden  0,75 kg
Innen- und Außenspiegel  0,54 kg
Sonnenblende 0,40 kg 
Schrauben, Unterlegscheiben, Muttern, Sicherungen  2,66 kg
25 Liter Benzin 20,00 kg 
2,5 Liter Öl 2,18 kg 
Gesamtmasse des fahrfertigen Fahrzeuges  490,27 kg
 


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